Ausgebremst

„Wer rastet, der rostet“, wissen viele schlaue Menschen zu berichten. Das gilt auch für Autos, wobei man diese Weisheit in dem Fall noch erweitern kann: „Wer nicht rastet, rostet trotzdem“. Und zumindest was unseren lieben Plötze anbelangt, könnte man noch sagen: „Wer rostet, der rastet“.

Und so kam es, dass wir unsere Reise-Pause in Deutschland noch etwas verlängern durften, da sich nun die hinteren Bremsen durch unschöne Schleifgeräusche und Hitzeentwicklung bemerkbar machten. Bereits vor der Skandinavien-Reise gab es ähnliche Probleme, jedoch waren es da die vorderen Bremsen. Diese haben glücklicherweise so lange durchgehalten, bis ich sie vor dem Frankreich-Trip auswechseln konnte. Ein kurzer Blick auf die hintere Bremsanlage hat leider gezeigt, dass wir dieses Mal nicht so glimpflich davon kämen.

Die rechte, hintere Bremsscheibe. Man erkennt einen schön blanken, inneren Ring und einen rauen, äußeren Ring
Und das ist der Übeltäter: Während die rechte Bremsbacke das vorbildliche Ebenbild gleichmäßiger Abnutzung darstellt, besitzt die Linke Bremsbacke gar kein Profil mehr. Sie zeigt deutlich vor ihrer Zeit das blanke Eisen.

Relativ entmutigt habe ich mich also an den PC gesetzt und mit der gar nicht so einfachen Recherche nach den richtigen Ersatzteilen begonnen. Das Bestellen ging dann natürlich schnell, die Lieferung wiederum viel zu lange. Trotzdem durfte ich noch diese Woche dem armen Postboten das 30kg schwere Paket abnehmen 😊

Tadaa!

Eine Warnung vorweg

Achtung, jetzt kommt eine etwas längere Passage in der ich mehr oder weniger ausführlich den Leidensweg beschreibe, den ich bei Plötzes Reparatur beschreiten musste. Für weniger Auto- und Technikaffine Leser könnte es etwas langweiliger werden. Zumindest so lange, bis ich beschreibe, was ich Plötze alles antun musste, um die alten Bremsen abzubekommen. Dann wird’s gruselig. Außerdem könnte manch einer beim Lesen des Textes und Betrachten der Bilder auf die Idee kommen sich zu fragen: „Sind die wahnsinnig, mit so einem Kübel zu fahren?“. Das ein oder andere Kraftwort konnte ich auch nicht vermeiden, sorry.

Jetzt aber ans Eingemachte!

How To: Bremsen Reparieren

Man beginne mit dem Lösen der Radschrauben. Jedes Auto hat den dazu passenden Schlüssel beim Boardwerkzeug.

Hier ist die Welt noch in Ordnung. Reifenwechseln kann ja jeder, und auch Plötze gibt seine Räder (noch) bereitwillig her!

Ein kleiner Hydraulik-Wagenheber unter der Achse direkt am Rad sorgt dafür, dass das Rad angehoben werden kann.

Der frisch erworbene Wagenheber. Die Lichtverhältnisse sind in diesem Bild noch recht schmeichelhaft, weswegen…
… der Grund für diesen neuen Wagenheber nicht gleich ersichtlich ist. Dieses Bild zeigt, die Karosserie ist schon ganz schön verrostet. Die Aufnahmepunkte für den Boardwagenheber geben schon knirschende Geräusche von sich, wenn ich versuche Plötze mit diesem aufzubocken. Also blieb er eingepackt und der neue Wagenheber kam zum Einsatz. Der blaue Unterstellbock dient als zusätzliche Stütze, damit nichts passiert, falls der Wagenheber nachgibt.

Ist das Rad ab, zeigt sich die Bremse in voller Pracht. Um an die Bremsscheibe und die Bremsbacken zu gelangen, müssen zuerst der Bremssattel und die Bremszange demontiert werden.

Der Bremssattel ist mit zwei kleinen Schrauben an der Bremszange befestigt. Diese ließen sich dieses Mal ganz gut Lösen, da seit dem letzten Bremsenwechsel nicht so viel Zeit vergangen ist.

Die Schrauben des Bremssattels ließen sich recht einfach lösen. Die kleine Ratsche hat hier gereicht.

Anders sah es bei der Bremszange aus. Die beiden dicken M12-Schrauben sind mit viel Kraft angezogen worden und waren darüber hinaus festgerostet. Per Handkraft konnte ich sie nicht lösen. Also stellte ich einen weiteren Hydraulikwagenheber unter die Ratsche. Einer maximalen Kraft von 2t konnten die Schrauben nichts entgegensetzen. Gottseidank hat das die Ratsche mitgemacht.

Bei den Schrauben der Bremszange mussten schwere Geschütze aufgefahren werden.

Nach dem Ausbauen der Bremszange kann die Bremsscheibe abgebaut werden. Diese ist mit nur zwei kleinen Schrauben an der Radnabe befestigt.

Nur zwei recht dünne Schrauben befestigen die Bremsscheibe an der Radnabe.

Nimmt man die Bremsscheibe ab, kommt (zumindest in Plötzes Fall) die Trommelbremse zum Vorschein, die als Handbremse dient.

Die Trommelbremse…

Augenscheinlich waren auch die Bremsbacken der Trommelbremse beschädigt. Na toll! Da hierfür keine Teile bestellt waren, habe ich das ignoriert. Die Handbremse kommt ja nur im Stand zum Einsatz.

… ist auch kaputt!

Das größte Hindernis stellte die Bremsschlauch-Schraube dar. Diese musste ich lösen um den Bremssattel tauschen zu können. Auch sie war festgerostet und war auch mit dem richtigen Werkzeug nicht lösbar. Wurde zu viel Kraft angewandt, gab das Sechskantprofil nach, die Schraube wurde „rund“.

An diesem Problem saß ich einen Nachmittag und einen Morgen. Weder WD40, noch einige Hammerschläge, noch das Heißmachen mit der Lötflamme wollten die Schraube lockern.

Es gibt immer die eine Arschlochschraube, die einem den Tag vermiesen kann und will. In diesem Fall war es diejenige, die den Bremsschlauch mit dem Bremssattel verbindet.

Am nächsten Tag bin ich dann in den Baumarkt gefahren um eine Rohrzange zu kaufen. Und die (Er-)Lösung wartete ausgerechnet an einem Werbestand auf mich. So richtig Baumarkt-Typisch mit eigenem Fernseher und einem Werbefilm in Dauerschleife, der dieses ach so tolle China-Produkt anpreist. Ich habe der Sache nicht getraut, aber die beworbene Zange sollte genau für mein Problem (feste, rundgewordene Schraube) gemacht sein. Also habe ich sie mitgenommen, zur Sicherheit aber auch eine gute Rohrzange eingepackt 😉

Der China-Schlüssel besitzt ein halbes Sechskant-Profil für mehrere Schraubengrößen und ein bewegliches Zahnteil. Diese Kombination sorgt dafür, dass die Schraube an drei Punkten (anstelle von nur zweien bei einem normalen Schraubenschlüssel) angefasst wird. Außerdem graben sich die Zähne beim Aufdrehen in die Schraube ein, wodurch ein noch größeres Drehmoment übertragen werden kann, ohne dass das Werkzeug abrutscht. Genial!

Die Rohrzange habe ich nicht gebraucht, der China-Schlüssel hat die Schraube gleich beim ersten Versuch gelöst. Damit hat er sich seinen Platz im Reisewerkzeugkasten verdient!

Nachdem das erledigt, der neue Bremssattel angeschraubt und das ein oder andere Gewinde nachgeschnitten waren, konnten die neuen Teile wieder montiert werden. Leider war die Bremszange nicht im Lieferumfang enthalten, weswegen die alte wieder rein musste.

Nahezu wie neu!

Der neue Bremssattel hat Luft in das Bremssystem gebracht, was bei einem hydraulischen System nicht so toll ist. Deswegen musste das Bremssystem noch entlüftet werden, bevor die Bremse wieder Einsatzbereit war. Dafür gibt es bei jedem Bremssattel ein Entlüftungsventil, durch das die Luft und ein Teil der Bremsflüssigkeit austreten können, wenn es geöffnet wird.

Bremsflüssigkeit ist ein ekliges Zeug. Das mögen weder die Haut, noch die Umwelt. Also kommt sie in die Flasche!

Also noch schnell die Bremsflüssigkeit aufgefüllt und Lexi ins Cockpit gesetzt, damit sie durch mehrmaliges Treten auf das Bremspedal die Luft aus dem System befördern konnte. Die austretende Bremsflüssigkeit wurde mit einer „Bremsen-Entlüftungs-Flasche“, die irgendwo im Werkzeugschuppen rumlag, aufgefangen.

Das war‘s! Die Linke Bremse hat insgesamt anderthalb Tage verschlungen, wobei mich vor allem diese blöde Bremsschlauchschraube „ausgebremst“ hat. Die rechte Bremse hat nur noch den restlichen halben Tag gedauert. Hier gab es nur ein kleineres Problem: Da sich die Schrauben der Bremszange in die andere Richtung drehten, konnte der Hydraulikwagenheber nicht helfen. Es konnte aber schnell Ersatz in Form einer Brechstange gefunden werden.

Wieder auf der Straße

Eine Nacht standen wir noch in Liptingen. Dann hieß es: „Auf die Plötze, fertig, los!“ und wir sind wieder unterwegs. Weit sind wir noch nicht gekommen, da wir das Wochenpensum für Lexis Minijob abgearbeitet haben. Aber auch das ist jetzt erledigt und wir fahren langsam aber sicher Richtung Portugal 🙂

6 Gedanken zu “Ausgebremst”

  1. Klasse gemacht Larry. Alte fest-eingewachsene Schrauben, der reinste Horror.
    Anderseits, war wäre wenn ihr statt Plötze, eines dieser neuen hochtechnologischen Autos hättet. Ein Auto ohne Charakter, aber dafür mit jeder Menge ‚black boxen‘. Statt schön überschaubaren Backenbremsen, nur noch ein Dynamo der die Bremsenergie goutiert. Und für den Notfall noch irgendwelche Bremseinrichtungen an den Rädern die ihr aber ohne Spezialschlüssel und Sicherheitscode eh nicht öffnen könntet. Und solltet ihr es doch versuchen und Gewalt anwenden, dann wird ein internes Funksignal nach Turin zu FIAT geschickt und innerhalb von 20 Minuten sind da so ein paar schwarz angezogene und mit Skimaske ausgerüstete Gestallten bei euch die euch sogleich abführen. Nach 3 Tagen Verhör dürft ihr zwar wieder zurück, seid aber auf einer ‚black list‘ und unter Beobachtung als potentielle ‚Autoreparierer‘ und Terroristen.
    George Orwell hätte auch noch heimliche und winzige Kameras eingebaut. Aber ich wollte mal nicht übertreiben.
    Gute Reise euch zwei und ich freue mich schon sehr auf eure BLOG Beiträge. Werde versuchen wie üblich intelligent zu antworten.

    1. Hi Werner,
      ja, das mit den verdongelten Autos wird leider immer schlimmer. Und selbst wenn man es bei modernen Autos noch selber machen kann, es wird eher teurer als billiger. Vielleicht erwerben wir in Zukunft nicht mehr das Auto, sondern nur noch das Nutzungsrecht dafür. Bei der Software ist das schon so.
      Aber ich schätze, bis dahin fahren die meisten eh wieder mit dem Bus 🙂

  2. Klopf….klopf….ist da noch jemand🤔 war immer so interessant. Sogar Larrys Bremsenaktion!
    Bitte weiter Geschichten schreiben ihr macht das beide richtig GUT!!!
    Oder seid ihr jetzt in Winterschlaf gefallen🤔
    Wäre zu schade also bitte raus aus dem Plätze, ran an den Laptop und los geht’s ☺😙

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