Gruselt sich Plötze in Spanien?

Zwischen den Küsten des Mittelmeers und des Golfs von Biskaya und etwa vier Autostunden von der Grenze nach Frankreich liegt die spanische Gemeinde Belchite. Das verschlafene Dörfchen lockt uns Vagabunden mit einem kostenlosen Stellplatz, Strom und Wasser. Vormittags kann es sein, dass man einen Trödelmarkt erwischt, Abends bietet der lokale Supermarkt eine kleine aber günstige Auswahl an Gemüse. Doch dazwischen macht die ganze Gemeinde Siesta. Nur die zahlreichen Katzen schauen dann neugierig wenn man vorbei kommt.

Die Gegend ist karg, nur hin und wieder sieht man mal eine Ruine.

Doch nicht immer war Belchite Schauplatz von spanischer Gemütlichkeit. Vor nicht ganz einem Jahrhundert fand hier eine erbitterte Schlacht statt.

Das ursprüngliche Belchite wurde schon 75 n. Chr. erbaut. Mitten in dieser Steppenlandschaft entstanden hier wunderschöne Kirchen und Denkmäler, auf die Belchite zurecht stolz war. Eine gesunde, kleine Stadt, voll von architektonischen Meisterleistungen.

Doch Belchites Glück verdunkelte sich, als 1936 der spanische Bürgerkrieg ausbrach. Um zu verstehen wie es überhaupt dazu kommen konnte, muss man zurück gehen, zum Ende der spanischen Monarchie zu Gunsten der Republik.

Wenn du kein Freizeithistoriker bist, dann empfehle ich dir die nächsten Abschnitte zu überspringen und direkt bei den Geistergeschichten von Belchite weiter zu machen.

Vorgeschichte in groben Zügen

1931 wurde die sozial-liberale sogenannte zweite spanische Republik durch Wahlen eingeleitet. Sie richtete sich nach dem Vorbild der Weimarer Republik und wurde entsprechend erschüttert, als diese 1933 praktisch nicht mehr existent war. Dazu kam noch das mittelalterliche Mindset der wirtschaftlichen Elite, das Klassendenken der Großgrundbesitzer, die katholische Kirche, die sich von der neuen Politik in ihrer Macht bedroht fühlte und der verletzte Stolz der Militärs, die sich als „wahre Spanier“ bezeichneten. Obwohl die neue politische Ordnung von der Mehrheit des Volkes eingeleitet wurde, hatte sie also nicht besonders viel Macht, ganz abgesehen von weiteren, politischen Spannungen. Nur schleppend wurden soziale Probleme angegangen und die Lage für die Arbeiterschicht verschlechterte sich zunehmend.

1933 kam es zu einem Aufstand von anarchistischen Bauern, der brutal niedergeschlagen wurde. Das wiederum führte zu landesweiten Protesten gegen den Mord der Bauern durch die Regierung. Dadurch fühlten sich Anarchisten und Monarchisten erst recht bestätigt und das Klima im Land wurde zunehmend aggressiv.

Die Republik war nun hauptsächlich damit beschäftigt, sich gegen die Aufstände zu verteidigen, gründete sogar eine Sturmgarde und versuchte verzweifelt mit Gesetzen die Anarchisten und die Monarchisten zu zensieren.

Erneute Wahlen Ende 1933 gewannen die rechten Parteien (Kirche, Monarchisten, Nationalisten und Großgrundbesitzer) haushoch, unter anderem auch deshalb, weil sie das Wahlrecht für Frauen einführten. Kopf der Rechten war ein Mann mit dem schwungvollen Namen José María Gil-Robles y Quiñones. Langfristig wollte er mit Wahlen die Macht gewinnen und die Demokratie wieder abschaffen. Österreich war sein Vorbild.

Kurzum, die neue Regierung verhalf dem Land auch nicht zu einem Wirtschaftswunder. Die Aufstände begannen wieder, nur diesmal waren es Sozialisten und Kommunisten und es kam zu einer sozialen Revolution, die als spanischer Oktober bezeichnet wurde. Sie wurde aber kompromisslos unter dem Befehl von Francisco Franco niedergeschlagen. Danach kam es noch zu grausamen Vergeltungsmaßnahmen.

Spanien war erschüttert und die Regierung geschwächt. Um die Wähler nicht gänzlich zu verprellen, wurden wenige Zugeständnisse gemacht und die rechte Partei zerstritt sich intern. Die Linken gewannen wieder an Aufschwung und vereinten sich zur „Volksfront“. Die Rechten bildeten einheitlich die „nationale Front“ und verloren in den entscheidenden Wahlen 1936 knapp gegen die Volksfront.

Tja, hier überschlugen sich die Ereignisse und es kam zum spanischen Bürgerkrieg.

Der spanische Bürgerkrieg

Die Stimmung war mies, es gab mehr Hungerleidende als je zuvor in Spanien und politische Morde gehörten zur Tagesordnung. Auf Seiten des Militärputschs ging General Franco aggressiv vor und gewann sogar unterstützende Truppen aus Italien und Deutschland. Die Republikaner suchten immer wieder das Gespräch, sie wollten verhandeln und suchten gewaltfreie Lösungen. Letztendlich gewann Franco den mehrjährigen und brutalen Bürgerkrieg und leitete das Francoregime ein. Und mitten in diesem Krieg fand die Schlacht von Belchite statt.

Himmler, Franco und ihre Freunde. Bundesarchiv, Bild 183-L15327 / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 183-L15327, Spanien, Heinrich Himmler bei Franco, CC BY-SA 3.0 DE

Die Schlacht von Belchite

Die Republikaner beschlossen mit 80.000 Mann und 90 Kampfflugzeugen auf einer Frontenlänge von 100km zwischen Zuera und Belchite nach Saragossa durchzubrechen. Dadurch wollten sie die nationalistischen Truppen aufhalten, zersplittern und letztendlich erhofften sie sich die Übernahme von Saragossa, das Kommunikationszentrum der nationalen Front.

Zwischen dem 24.08 und dem 07.09 versuchten 7.000 Verteidiger die kleine Stadt gegen eine vielfache Überzahl zu halten. Währenddessen lauschten sie den Versprechen aus dem nationalistischen Radio, Franco kündigte Verstärkung an, aber sie blieb erstmal aus. Die Bewohner der Stadt waren mitten drin, versuchten sich zu verstecken, oder brachten sich mit ein. Nutzten die Gelegenheit, Familienfehden auszutragen oder ergriffen Partei. Kaum eine Schlacht war erbitterter als jene in Belchite. Der Vormarsch war langsam, Haus um Haus wurde jeder Meter hart erkämpft. Die Weinkeller wurden von den nationalistischen Truppen und den Einheimischen zu Tunneln erweitert und durchzogen die ganze Stadt. Die Toten stapelten sich im Brunnen, in dem sie entsorgt wurden. Trinkwasser war also auch keines mehr da. Gefangene wurden nicht gemacht. Nach einer Woche kam Francos Verstärkung, diese konnte aber nicht zu den eingekesselten Truppen durchbrechen. Belchite wurde mit Kanonen, Dynamit und Bajonetten angegriffen und doch hielten die erbitterten Verteidiger die Stadt noch eine weitere Woche, bevor die letzten Überlebenden eine nächtliche Flucht versuchten. Sie scheiterten und Franco verlor das völlig zerstörte Belchite an die Republikaner. Ein Sieg war es dennoch nicht, weil der erbitterte Widerstand in Belchite General Franco die Zeit gegeben hatte, Truppen nach Saragossa zu schicken. Später eroberte Franco die Stadt zurück und befahl sie als Denkmal so stehen zu lassen. Stattdessen bauten Kriegsgefangene neben der Ruine ein neues Belchite.

Die Geistergeschichten von Belchite

Die Geistergeschichten um Belchite sind zahlreich und hängen direkt mit Belchites Historie zusammen. Darüber reden tun die Einheimischen jedoch nicht besonders gern, weil diese Schlacht bei vielen das Schlechteste zum Vorschein brachte.

Doch wieder dank Google-Übersetzungs-Tool hab ich spanische Websites zu diesem Thema durchforstet und ein paar Geschichten von Einheimischen ausgegraben. Schatten wurden gesehen, ängstliche Rufe wurden belauscht und sogar die weiße Frau soll auf dem Glockenturm gestanden haben. Im Folgenden habe ich die drei konkretesten und häufigsten Erscheinungen zusammengefasst.

An dieser Kreuzung haben schon mehrere Passanten zwei Frauen in schwarzen Kleidern gesichtet. Sie reagierten nicht und verschwanden Hand in Hand in einem der Häuser. Nachforschungen ergaben, dass zwei Schwestern bei einem Bombenangriff bei diesem Haus starben.

Wahrscheinlich lassen die Schwestern sich nur bei Nacht sehen.

Das Kreuz im Hintergrund des Bildes kennzeichnet den Ort an dem die Toten haushoch aufgeschichtet wurden. Das Blut der Toten floss von hier durch die Straßen. Viele Touristen berichten an dieser Stelle von merkwürdigen Erscheinungen auf ihren Fotographien.

Das Kreuz ließ Franco später von Kriegsgefangenen schmieden. Im Vordergrund sieht man den Brunnen, der auch mit Leichen gefüllt war. Seht ihr eine paranormale Erscheinung?

In den Kirchen von San Martin und San Rafael suchten die religiösen Bewohner von Belchite zahlreich Schutz. Leider waren die Armeen nicht so gottesfürchtig und freuten sich über die Türme, die aus der Luft besonders gute Ziele für die Bombardierung abgaben. Man sagt, dass wenn man sich in den Kirchen aufhält, werden die Batterien und Akkus von Handys und Kameras besonders schnell leer gezogen.

Die Kirche, immer noch erhaben und schön
Hier sieht man einen nicht-detonierten Sprengkopf in der Fassade eines Turms
Auf jeden Fall hatte die Kamera noch genug Saft um das Kirchengerippe festzuhalten. Aber komischerweise ist das Bild etwas unscharf geworden. An der teuren Kamera kann es nicht liegen!
Hier schlugen die Bomben ein und verbrannten die Schutzsuchenden
Eine, der drei wunderschönen Kirchen im alten Belchite

Unser Besuch

Die Ruinen von Belchite sind nicht gerade überlaufen von Touristen. In diesem verschlafenen Nest waren wir erstaunt, als wir zur Führung durch die Ruinen ein paar andere Touristen trafen. Das Ticket dafür kauften wir uns im Tourismusbüro für je 6€, wo wir zeitaufwändig mit dem Handy alles in spanisch übersetzten, während die angestellte Dame alles auf deutsch übersetzte und dann von ihrem Computer vorlesen ließ. Ohne Ticket kann man die umzäunte Geisterstadt leider nicht mehr betreten. Für alle die spanisch sprechen, gibt es noch eine Führung bei Dunkelheit, bei der es um Geister und Spuk geht… Mir ist fast das Herz gebrochen, weil es die nicht auch auf deutsch oder englisch gibt…

Um 18Uhr ging es dann los. Wir bekamen IPods und konnten die Führung mit einem deutschen Audiotitel verfolgen. Die Schlacht um Belchite wurde im Detail auseinander genommen und penibel wurden allerhand Manöver beschrieben. Also für Vollbluthistoriker kann ich das sehr empfehlen! Dabei hat es übertrieben gewindet und falls irgendwo ein Geist gestöhnt hat, war es unmöglich ihn zu hören. Die Geisterstadt ist nicht sehr groß aber sehr atmosphärisch und trotz der Zerstörung wunderschön. Durch einen Torbogen betritt man die Gassen, welche zwischen den bröckelnden Fassaden zu drei Kirchen führen. Auf dieser 90 minütigen Führung entfaltete die Stadt ihre Wirkung auf mich, und zunehmend fielen mir die schattigen Ecken auf. Schwarze Hohlräume unter dem Boden und gebuddelte Tunnel im Erdreich.

Die Ruinen werden von der Abendsonne erleuchtet, doch die Schatten sind tief und schwarz. Was ist da wohl im Fenster?
Die Hauptstraße durch Belchite
Hinter den Fassaden zeigt sich die Zerstörung in immer neuen Formen

An einem Wegesrand fand ich drei Münzen. Normalerweise freue ich mich über mein Glück und steck gefundene Münzen ein. Aber in diesem Fall spürte ich die Münzen in meiner Tasche und sie waren mir unangenehm. Ich beschloss kein Risiko einzugehen und die Münzen sicherheitshalber, nur falls es doch Geister geben sollte, da zu lassen. Ich bückte mich und fand einen Spalt im Boden. Ich konnte nicht wirklich hineinsehen weil dort die Schatten auch wieder so dunkel waren. Aber ich ließ die Münzen nacheinander in die Schatten fallen, wo sie weiter unten irgendwo klakernd landeten. Sofort war mir wohler. Ich schätze der ganze Geisterkram macht mich schon ein wenig abergläubisch…

Die drei Münzen. Hättet ihr sie mitgenommen?

Und hat Plötze sich gegruselt?

Ja. Ich muss zugeben, ich habe mich nicht besonders gern mit Belchites blutiger Vergangenheit beschäftigt. Und als ich hier durch ging und sah, wo die Menschen sich in die Erde gegraben hatten, um dem Tod zu entgehen, und wo die Bomben einschlugen und Häuser zerrissen, da war mir nicht so wohl zumute. Werde ich nun langsam abergläubisch oder ist das wirklich ein Ort voller Geister? Ich weiß es leider nicht, und meinen Beweis habe ich auch immer noch nicht. Aber auf alle Fälle kann ich sagen, dass Menschen ganz schön krass sein können…

Belchite – so dunkel wie seine Vergangenheit

4 Gedanken zu “Gruselt sich Plötze in Spanien?”

  1. Vielleicht könnt ihr auch noch nach Guernika. Da haben Francos Truppen und deutsche Bomber das Gegenstück von Belchite in diesem Bürgerkrieg geschaffen.
    Pablo Picasso hat das in seinem Bild ‚Guernica‘ dermaßen gut festgehalten. Ich finde es ist sein ausdrucksstärkstes Bild. Es macht einen ähnlich betroffen wie Goyas ‚Erschießung der Aufständischen‘.
    Wollte es mal kaufen. Aber da hätte ich nicht mit 65 in Rente gehen können. Sondern erst mit 650.

    1. Da spricht ein echter Hobbyhistoriker! Über Picassos Bild bin ich auch gestolpert, weil Guernika tatsächlich gerne mit Belchite verglichen wird. Aber mir Goyas Bilder anzuschauen vermeide ich lieber.
      Denn wenn ich ehrlich bin, beschäftige ich mich lieber mit klassischen Flüchen, tragischen Liebschaften oder fiesen Intrigen.
      Dieses Kriegsgeschehen macht mich fertig. Dieses Ausmaß an Leid und Grausamkeit kann ich einfach nicht begreifen und es erschüttert mich.

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