Plötze und Lexi

Nachdem ich jetzt seit über acht Jahren einen ständigen Begleiter habe (Larry natürlich!) und wir seit einigen Monaten auch noch permanent aufeinander hocken, war ich natürlich ziemlich gespannt darauf wie es sein würde, das Vanlife allein zu leben.

Wir waren früh aufgestanden am Tag seines Abschieds, haben das Gepäck noch mal geprüft, noch ein paar Stunden gearbeitet und dann ein Uber zum Flughafen bestellt. Dort haben wir eingecheckt, das Gepäck gekennzeichnet, sind rumgelaufen und haben alles getan, was man noch so tun kann, bevor man Lebewohl sagen muss.

Zurück in Plötze habe ich erst mal eine neue und eigene Beziehung mit dem treuen Van aufbauen müssen. Larrys Abwesenheit stand deutlich im Raum und ich muss gestehen, ich genoss die Einsamkeit. Allein gewesen war ich schon lange nicht mehr. Ich nutzte die Gelegenheit und hatte einen Tagesablauf, den ich auf niemanden abstimmen musste. Dementsprechend tat ich die ersten zwei Tage auch nicht viel mehr, als im Van zu sein, einzukaufen und in einem Schwimmbad duschen zu gehen. Erst mit Larrys Abwesenheit merkte ich, wie wenig wir uns noch voneinander abgegrenzt hatten. Wo endet mein Bedürfnis, und wo beginnt seins? Diese Grenzen sind mit der Zeit verwischt. Was will und brauche ICH eigentlich? Das rauszufinden und auszuarbeiten war ziemlich schön. Ich trainierte und ich fastete und ich kochte ausgiebig.

Dann entschloss ich mich dazu, weiter zu fahren. Larry hatte mir netterweise Plötze an der Küste geparkt, so dass ich nicht quer durch Lissabon fahren musste, sondern einfach die Hauptstraße entlang der Küste folgen konnte. Denn wie ihr wisst, bin ich nicht die sicherste Autofahrerin. Und große Städte verunsichern mich ziemlich. Die folgenden zwei Wochen wartete ich immer auf eine nächtliche Stunde um meinen Standort zu ändern. Das war auch gut, denn hin und wieder kam ich in Situationen, in denen die Straßenführung ziemlich unübersichtlich war. Mit der nächtlichen Ruhe konnte ich mir aber die Zeit nehmen alles zu finden.

Mein Lissabon war das nächtliche Lissabon!

Nachts fühlte ich mich nicht immer sicher. Ich weiß nicht genau wodurch dieses Gefühl hervor gerufen wurde, aber an manchen Standorten schlief ich durch, und an anderen wagte ich es kaum einzuschlafen. Einen wirklich erholsamen und ausgiebigen Nachtschlaf hatte ich in den zwei Wochen nur einmal. Ansonsten hatte ich einen leichten Schlaf und erwachte bei jedem Geräusch, welches meine Fantasie zu herumschleichenden Junkies ausbaute.

So kann Vanlife auch sein! Hier schlief ich zwei Nächte lang hinter einem alten Hotel. Obwohl es kein besonders idyllischer Ort war, fühlte ich mich hier sicher und wohl.

Meinen ersten Standort wählte ich nach der Surfschule die ich besuchen wollte. Es war ein riesiger, langgezogener, erdiger Platz, an dessen hinterem Teil ein Wäldchen stand. Auf der anderen Seite stand die Ruine eines Backsteinhauses. Fenster mit ausgebrochenen Scheiben reihten sich nebeneinander wie Augenhöhlen die schwarz und vergessen auf die Surfer starrten, die hier täglich vorbei kamen. In der App Park4Night, in der ich diesen Schlafplatz ausgesucht hatte, war der Platz schlecht bewertet. Einmal, als ich einen entspannten Smalltalk mit einem der Surflehrer hatte, sagte er plötzlich im Bezug auf diesen Parkplatz „This is a dangerous place. You have to be very carful, stay close to the street so someone can heare your screams. Otherwise someone will come and fuck you“. Diese harten und vulgären Worte erschütterten mich ein wenig. Der Gesprächston war freundlich und seicht und ganz unvermittelt kam sowas.

Der Ausblick von meinem schlecht bewerteten Parkplatz war nicht so unheimlich. Und ja ich weiß, direkt an der Straße stand ich auch nicht.

Da ich, wie ihr wisst, zur Asozialität neige, zeigte ich mich ohnehin selten außerhalb von Plötze und prüfte oft nach, ob auch wirklich alles verschlossen ist. Die Einsamkeit gefiel mir. Das Gefühl tagelang kein Wort zu sagen behagte mir. Nur mit Verkäufern und den Surflehrern tauschte ich das ein oder andere Wort.

Ein altes Kapuzinerkloster im Nebel…
sehr schön, aber in Gesellschaft wäre es doppelt so schön gewesen!

Erst ab der zweiten Woche begann ich Larrys Gesellschaft zu vermissen. Ich merkte, dass es nicht halb so viel Spaß macht sich allein etwas anzusehen. Etwas allein zu bestaunen ist oft, als hätte man gar nichts bestaunt. Wisst ihr was ich meine?

Ich war also mega froh, als Larry wieder da war. Diese zwei Wochen haben unseren Alltag hier und da verändert, was auch gut ist. Wir haben beschlossen mehr zu tun, wonach uns der Sinn steht, ohne den Anderen mit zu schleifen. Da wir aber ziemlich ähnliche Interessen haben, sind wir dennoch wieder selten allein. Gelernt haben wir, dass eine Priese Egoismus sehr gesund für die Beziehung ist. Und was sich auch mal wieder bestätigt hat, ist, je bewusster man durchs Leben läuft, desto wertvoller wird die Lebenszeit 😉

3 Gedanken zu “Plötze und Lexi”

  1. Liebe Lexi,

    Ein schön geschriebener und ehrlicher Bericht von dir. Jeder fühlt es, aber nicht jeder traut sich zuzugeben, dass man auch Mal Zeit für sich braucht und diese Zeit auch genießt. Viele haben dann Angst , andere zu verletzen oder sonst was. Dabei ist doch gerade diese Selbstwertschätzung und Selbstverwirklichung eine Wohltat für jede Beziehung. Man weiß wieder was man selber will und was man am anderen hat. Das freut mich richtig für euch. Dass du dich im nächtlichen Lissabon wohlfühlst finde ich ganz schön creepy, aber eig sollte mich das nicht überraschen.
    Ich hoffe ihr genießt eure wiedergewonnene Zweisamkeit und schreibt und knipst eifrig weiter!

    1. Liebe Nadja, du triffst es auf den Punkt. Ich muss aber zugeben, dass ich vorher auch mit Larry darüber gesprochen habe. Und du weißt ja wie tolerant dein großer Bruder ist, weswegen er damit kein Problem hatte. 🙂
      Ich hoffe dass du eine tolle Woche vor dir hast!

  2. Sosehr ich auch meine jeweiligen Partnerinnen gemocht, geschätzt und geliebt habe, ein 24/7 zusammen sein, hätte einige dunkle Seiten in mir aktiviert. Mit bösen Blick hätte ich ihnen irgendwann mal ohne erkennbaren Anlass gesagt ‚Du Pute‘.
    Nein, dafür sind wir Menschen nicht geschaffen.
    Die Steinzeit Jaeger verschwanden Tagelang um angeblich irgend ein Wild zu jagen. Ihre Frauen atmeten auf, gingen Beeren sammeln und erfanden Abends am Feuer in der Höhle, ungestört von den Männern, die erste Feuchtigkeitscreme aus Mammutfett und einiges Anderes. Das Rezept ist leider verloren gegangen.
    Und erst die Roemer. Da es keine Mamuts und Säbelzahntieger mehr zum jagen gab, bildeten sie die Legionen. ‚Tschüss meine teuerste Antonia. Wir gehen mal eben los die Nachbarn zu überfallen. Bin in einem halben Jahr wieder da.‘ ‚Ach ja Claudius, vergiss nicht mir ein paar Sklaven mitzubringen. Und Finger weg von den Barbarinnen.‘
    Doch erst die Britten perfektionierten das System. Trotz des Liebreizes, der Schönheit und der berühmten Kochkünste der Inseldamen, kamen die Männer irgendwann mal auf den Geschmack sich auf ihre Schiffe zu verkrümeln und auf Kaperfahrt zu gehen. ‚I bringging for you juwllery cherry.‘ Den Abschuss machte aber James Cook. Was ihn auch immer Zuhause erwartete, er zog es vor gleich die ganze Welt zu umrunden. Und das drei mal.
    Ich wollte euch nur zeigen, dass es geschichtliche Beispiele dafür gibt, wie Männer und Frauen in den verschiedenen Epochen das Weite gesucht haben. Kulturell geprägt natürlich und nicht zuletzt für eine gesunde Beziehung.

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